MATERIALARCHIV

Rattan

Rattan
Materialgruppen:
Pflanzliche Werkstoffe > Baumbestandteile Materialbeschrieb Rattan bezeichnet das Material, das aus den Stängeln der tropischen Palmart Calamus Rotang hergestellt wird. Ein Grossteil des in den Handel gelangenden Rattans kommt aus Indonesien, wo es in Wäldern oder auf Plantagen von Hand geerntet wird. Die Stängel der schnellwachsenden, lianenartigen Pflanze schlängeln sich mit bis zu 150 m Länge um andere Bäume, sind mit Dornen besetzt und erreichen einen Durchmesser von 4–6 cm. Rattan wird verarbeitet in Kern- und in Schalenprodukte. Rattan ist nicht hohl wie beispielsweise Bambus. Es ist ein innen offenporiger, leichter und durch die harte Rinde sehr stabiler Werkstoff, biegsam, wetterbeständig und strapazierfähig. An der Aussenseite sind die Stängel hart und glatt, im Kern weich und von faseriger Struktur. Obwohl Rattan elastisch ist, reicht dies zum Biegen und Flechten ohne weitere Bearbeitung nicht aus. Um es als Ganzes zu verarbeiten, muss man das Rohr mit einer Flamme oder in Dampfkesseln mindestens 15 Minuten stark erhitzen und dann in Form biegen. Das aufgespaltene Rohr, welches als Flechtmaterial verwendet wird, erfordert kurzes Einweichen in handwarmem Wasser, je älter es ist, desto länger. Durch allzu langes Wässern ergraut der Werkstoff jedoch und wird brüchig. Kernprodukte lassen sich leicht beizen, die aus den Schalen hergestellten Produkte hingegen nur schwer, da sie wasserabstossend sind. Aus ganzen, ungespaltenem Rattanruten lassen sich Möbelgestelle biegen; zudem werden sie als Stöcke in verschiedenen Kampfsportarten eingesetzt. Die Kernprodukte aus dem Stängelinnern sind typische Flecht- und Stakenmaterialien für Körbe und Möbel. Aus den Schalenprodukten werden Sitz- und Rückenflächen für Stühle und Sessel auf verschiedene Arten geflochten. Andere Bezeichnungen/Synonyme:
Schilfpalme, Rotang, Palmrohr, Rohrliane, Spanisches Rohr Italienische Bezeichnung:
canna d'india Französische Bezeichnung:
rotin Englische Bezeichnung:
rattan Ähnliche Materialien:
Polyrattan Hintergrund Etymologie:
Rattan leitet sich von der malaysischen Bezeichnung rotan ab. Der Begriff Peddigrohr (für bestimmte Kernprodukte) hingegen geht auf das niederdeutsche Wort paddik zurück, was soviel wie Pflanzenmark bedeutet. Ökonomie:
Die jährliche Menge an Rattan, die zur Flechtwarenherstellung benötigt wird, beträgt ca. 440 Mio. t. Das führende Exportland für diese grossen Mengen ist seit vielen Jahren Indonesien. Rattan stellt dort mit 75% des Gesamtanbaus die stärkste Anbaupflanze dar. Mehr als zwei Drittel der Gesamtbevölkerung Indonesiens sind in der Rattanindustrie beschäftigt. Neben dem Schälen der Rattanstangen, also dem Herstellen von Peddigrohr, und dem Flechten von Möbelstücken und Körben, ist der Grossteil mit der Ernte der bis zu 150 m hohen Kletterpflanze beschäftigt. Kleine Widerhaken an den Ästen der Pflanze, mit denen sie sich um andere Bäume schlingt, erschweren die Ernte nicht nur, sondern machen die Arbeit ausgesprochen unangenehm. Dennoch können die Beschäftigten nicht auf das Einkommen aus dem Rattananbau verzichten; der massenhafte Export hat das Land von einer hohen Nachfrage abhängig gemacht. Obwohl diese - trotz Palmölboom und damit verbundenem Anbaurückgang - relativ stabil geblieben ist, profitiert die arbeitende Bevölkerung heute nur minimal vom „Erfolg“ des Rattanexports. Dies liegt nicht zuletzt an den hohen Steuern, die mittlerweile auf das Verschiffen des Materials erhoben werden. Soziologie:
Rattanmöbel bilden mittlerweile eine eigene Möbelgattung. Diese einfachen, aber konstruktiv raffinierten Sessel, Sofas und Tischchen transportieren eine koloniale Ästhetik und tropische Exotik, die mit Natürlichkeit einhergeht. Der massenhafte Zugang zu Rattan löste bereits Anfang des 20. Jh. und dann wieder ab den 1970er-Jahren einen regelrechten Boom aus. Auch heute sind Rattanmöbel - aufgrund des Kunststoffs Polyrattan nun auch im Aussenbereich einsetzbar - allerorts auf Terrassen zu finden, in exklusiven Werbebroschüren für Häuser mit Seeblick ebenso wie im alltäglichen Nachbarsgarten oder auf Autobahnraststätten. Die Verarbeitung und Herstellung ist jedoch ob Polyrattan oder Naturprodukt bis heute Handarbeit geblieben. Herstellung Herkunft, geografische Region:
Indonesien, Westafrika, Malaysia, China Gewinnung:
Rattan wird hauptsächlich auf Plantagen gewonnen und etwa alle fünf bis sieben Jahre von Hand geerntet. Man schlägt die Stängel mit Beilen ab und lässt sie zunächst liegen, damit die stachelige Rinde trocknen und schrumpfen kann. Je nach Verwendungsart werden sie mit Schale weiterverarbeitet oder geschält, indem man sie entweder durch eine in einen Baumstamm gehauene Kerbe zieht oder Schälmaschinen einsetzt. Fertigung:
Zur Verwendung als Flechtmaterial wird der Kern maschinell von der Aussenschicht befreit. Die Weiterverarbeitung erfolgt, indem man ihn dann der ganzen Länge nach durch Schneidsysteme (runde Messerdüsen) führt und so aus dem Kern die gewünschte Form an Rundstäben gewinnt. Danach werden die Rundstäbe nach Stärke und Qualitätsklassen sortiert und in Bündel zusammengefasst. Aus der harten Aussenschicht der Stängel werden in einem anderen Prozess verschiedene Schienen geschnitten. Eigenschaften Besonderheiten:
Ganze Rattanstangen sind im erhitzten oder eingeweichtem Zustand formbar. Fast kein anderes Naturmaterial besitzt derartige Eigenschaften. Das Rohr bleibt elastisch, biegt sich aber nicht wieder in die Ausgangsposition zurück. Erscheinung: Aussehen:
Schalenprodukte unterscheiden sich vom Kernprodukten nicht nur durch den unterschiedlichen Querschnitt, sondern auch durch die Oberflächenbeschaffenheit und die Härte. Da Schalenprodukte aus den wasserabweisenden, sehr harten Aussenschichten des Rattanstängels hergestellt werden, glänzen sie stärker als die aus dem Kern gewonnenen weicheren Rundstäbe, deren Oberfläche stumpf ist. Farbe: Brauntöne, Gelbtöne
Haptik: elastisch, glatt, handwarm, hart
Schalenprodukte sind scharfkantig. Bearbeitung Lieferformen:
Rattan ist im Handel unter folgenden Namen erhältlich: Bondootrohr, Klopferrohre, Rattanstäbe. Sie unterscheiden sich im Durchmesser und in der Härte der Stangen.
Kernprodukte sind im Handel unter folgenden Namen erhältlich: Fadenpeddig und Peddigrohre, diese sind rundquerschnittig und unterscheiden sich im Durchmesser. Das Peddigband ist flach und in verschiedenen Breiten erhältlich. Die Peddigschiene ist auf einer Seite flach und auf der Anderen halbrund, diese sind in verschienen Breiten erhältlich. Der Linsenpeddig ist von linsenförmigem und der Splintpeddig von konischem Querschnitt.
Die Schalenprodukte werden unterschieden in Stuhlflechtrohr und Naturrohrschienen, welche unterschiedliche Breiten haben. Rohrbast weist hingegen noch Kernmaterial auf. Lieferbare Materialqualitäten:
Handelsklassen für Kernprodukte sind Rotband und Blauband, wobei letzteres von höherer Qualität ist. Schalenprodukte sind zudem als Gelbband erhältlich, d. h. sie sind beizfähig. Formen und Generieren: biegen
Fügen und Verbinden: mechanisch verbinden
Oberflächenbehandlung: beizen
Trennen und Subtrahieren: sägen
Konservierung: Schutz und Pflege:
Um das Austrocknen von verarbeitetem Stuhlgeflecht zu vermeiden, kann man die Sitzflächen auf der Unterseite dünn mit Paraffinöl bestreichen. Kernprodukte sind zwingend zu lackieren, da sie auf Grund ihrer sehr rauen Oberfläche leicht Schmutz aufnehmen und grau werden. Generell sollten Rattanprodukte keinen starken Witterungseinflüssen ausgesetzt werden und nicht zu nahe an Heizkörper gestellt werden. Für die Pflege empfiehlt es sich, die Produkte mit einem feuchten Lappen abzureiben. Anwendung Anwendungsgebiete:
Möbel, Innenausstattung, Korbwaren, Kampfsport Anwendungsbeispiele:
Transport- und Haushaltsgegenstände wie Körbe und Schalen, Heizungsverkleidungen, Schrankfüllungen, Raumteiler, Paravents, Sitzflächen, Stöcke für Kampfsportarten, Spazierstöcke, Duftstäbchen Besonderheiten:
Das bekannteste unter den Rattangeflechten ist das Wiener Geflecht (auch Joncgeflecht genannt) der Kaffeehausstühle um 1900 mit seiner durchbrochenen, auf Achtecken aufgebauten Struktur. Neben der Anwendung als klassische Sitzfläche der Thonetstühle wird es heute auch für Heizkörperverkleidungen und Schranktüren verwendet. Sammlungen

Muster in folgenden Sammlungen: Gewerbemuseum Winterthur, HSLU T+A Campus Horw, Sitterwerk St. Gallen, ZHdK Medien- und Informationszentrum
Standort in der Sammlung: Gewerbemuseum Winterthur:
Pflanzliche Werkstoffe > Schublade 38 HSLU T+A Campus Horw:
Assistenz D401 Bezugsquelle Bezugsquelle Sammlungsmuster:
www.ch.naturtrend.com
www.peddig-keel.ch Quellennachweis Verwendete Quellen:
Lefteri, C. (2013). Materials for Design. London: Laurence King Publishing Ltd.
Burns, H. (2000). Weiden, Binsen, Peddigrohr. Bern, Stuttgart, Wien: Verlag Paul Haupt.
Eckert-Ulrich, J. (2007). Peddigrohr. Wiesbaden: Englisch Verlag GmbH.
www.pia-andre.com/rattan.pdf (Stand September 2016) Weitere Quellen:
www.rattanshop24.de/index.php?page=Rattanpflege (Stand November 2016)
www.ch.naturtrend.com/rohrgeflecht.html (Stand November 2016) Expertin / Experte:
Nadine Meier, Ramona Odermatt, Esther Zumbrunn, Korb- und Flechtwerkgestalterinnen, Pratteln BL/Brienz BE. Material-Archiv-Signatur:
PFL_BAU_10 Text verfasst von:
ZHdK, fmr 2016 Bilder

Flashplayer nicht installiert
Um die Materialsuche zu tätigen, benötigen Sie einen aktuellen Flash Player.
Sie können es hier kostenlos runterladen.
Alternativ können Sie auf aktuellen Browsern auch die HTML5-Version mit leicht eingeschränktem Funktionsumfang aufrufen.

Über MATERIAL ARCHIV
können Sie auch ohne Flashplayer anschauen: www.materialarchiv.ch/cms