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Russtinte

Russtinte
Materialgruppen:
Farbmittel Materialbeschrieb Russtinte ist ein Sammelbegriff für verschiedene aus schwarzen Farbpigmenten, einem Binde- und einem Lösungsmittel bestehende Schreibflüssigkeiten. Als pigmentierte Schreibflüssigkeiten gehören Russtinten zu den Tuschen und nicht, wie die deutsche Bezeichnung vermuten liesse, zu den Tinten, welche Farbstofflösungen mit keinem oder geringem Bindemittelzusatz darstellen. Russtinten sind relativ einfach herzustellen als eine Mischung aus einem Russpigment wie z. B. Flammruss, einem Bindemittel wie [[Glossar:Gummi_Arabicum|Gummi arabicum]] und Wasser als Lösungsmittel. Russtinten wurden in den frühen Hochkulturen Asiens und des Vorderen Orients, in der griechischen und römischen Antike und bis ins Mittelalter verwendet. Sie wurden mit einem Pinsel oder einer Rohrfeder v. a. zum Schreiben – z. B. auf Papyrus – verwendet. In der Kunst gebrauchte man Russtinten für die Kalligrafie, in der Malerei und für Zeichnungen und Grafiken. Andere Bezeichnungen/Synonyme:
Karbontinte, chinesische Tusche, schwarze Tusche, indische Tinte, Reissschwarz, Kienschwarz, Rauchschwärze, Teutsche Schwärze Lateinische Bezeichnung:
atramentum librarium Italienische Bezeichnung:
inchiostro cinese Französische Bezeichnung:
encre au carbone, encre de Chine Englische Bezeichnung:
India ink Hintergrund Etymologie:
Russ, von ahd. ruos schwarzer, schmieriger, von einer Flamme oder Feuer stammender Niederschlag an Wänden usw. Tinte, von lat. tingere, tinctus färben, gefärbt; tincta (aqua) gefärbte Flüssigkeit. Das Wort Tusche für Zeichentinte, erstmals Anfang des 18. Jh. belegt, ist die Substantivbildung des älteren Verbs
tuschen (17. Jh.) einfarbig ausgestalten, darstellen, später: mit Tusche zeichnen. Das Verb ist ein Lehnwort aus dem Frz.: toucher streichelnd berühren, Farbe auftragen. Geschichte:
Russ- oder Karbontinten wurden seit dem 3. Jt. v. Chr. in Asien und im Vorderen Orient verwendet. Die Erfindung wird dem taoistischen Meister Tien Chen zugeschrieben, der um 2597 v. Chr. in China lebte. Die Verwendung von Russtinte zum Beschreiben von Papyrus ist schon im Alten Ägypten belegt. Ab dem 2. Jh. v. Chr. und bis ins Mittelalter wurde zunehmend Pergament als Beschreibstoff verwendet. Im Mittelalter wurde die Russtinte allmählich von den [[Galläpfeltinte|Eisengallustinten]] abgelöst. Herstellung Herkunft, geografische Region:
Asien, Vorderer Orient, Ägypten Gewinnung:
Als Pigment zur Herstellung von Russtinte finden sowohl Russ als auch Verkohlungsprodukte verschiedener Ausgangsstoffe Verwendung, z. B. Harze, pflanzliche Öle, Holz, tierische Fette, mineralische Öle, Wachse, Weinreben, getrocknete Weinrückstände, Dattelkerne, Pfirsichkerne, Mandelschalen, Elfenbein, Tierknochen, Petrol. Die Pigmente bestehen hauptsächlich aus Kohlenstoff. Typische Russpigmente sind [[Flammruss|Flammruss]], [[Beinschwarz|Beinschwarz]] oder [[Elfenbeinschwarz_echt|Elfenbeinschwarz]]. Fertigung:
Gebunden wird das Pigment mit einem festen Bindemittel wie Gummi arabicum, Kirschgummi, Honig, verschiedenen Ölen, Harzen, Fischleim, verschiedenen Tierleimen oder Eiweiss. Das Bindemittel wird in warmem Wasser aufgelöst. Dann wird das Russpigment hinzugemischt. Die Zugabe von Wein oder Essig verbessert die Benetzung und damit die Mischbarkeit des Pigments mit dem Bindemittel. Die Menge der einzelnen Zutaten lässt sich anhand von Schreibproben ermitteln: Ist die Tinte in ihrer Konsistenz zu zähflüssig, muss der Lösungsmittelanteil erhöht werden. Lassen sich die Pigmente nach dem Trocknen der Tinte auf der Schreibunterlage verwischen, braucht es mehr Bindemittel. Nach dem Mischen und Kneten wird die Paste zu einem festen Block geformt und über längere Zeit getrocknet. In Form solcher Tintensteine liess sich Russtinte problemlos aufbewahren und transportieren. Vor dem Gebrauch wurden die Tintenblöcke mit einer Flüssigkeit (Wasser, Essig, Wein) auf dem sogenannten Reibstein angerieben. Eigenschaften Zusammensetzung/Analyse:
Die Bestandteile der Russ- und Karbontinten können variieren. Grundsätzlich bestehen sie aus schwarzen Pigmenten, einem Bindemittel und einem Lösemittel. Nachweis:
Optische Mikroskopie, Dispersion, Elektronenmikroskopie, IR-Spektroskopie, Röntgenstrahl-Diffraktion und andere (Foucher&Flieder, 1991, 130-138). Dünnschicht-Chromatographie, Gas-Chromatographie, Elektrophorese (de Pas, 1974, 120).
Prüfen, ob die Tinte wasserlöslich ist; im Gegensatz zu den Russ- und Karbontinten sind Eisengallustinten nicht wasserlöslich (de Pas, 1974, 131). Alterungsverhalten:
Die mechanische Belastbarkeit von Russtinte ist gering, da die Tinte nicht ins Trägermaterial eindringt, sondern lediglich auf der Oberfläche des Papiers haftet. Durch mechanische Belastung kann die Tinte abgerieben werden (de Pas, 1974, 122).
Degradationserscheinungen des Bindemittels, welche in Sprödigkeit resultieren, können die mechanische Belastbarkeit der Tinte zusätzlich verringern.
Die in Russ- und Karbontinten verwendeten Pigmente gelten als chemisch stabil. Sie werden weder oxidiert noch reduziert und schädigen den Papyrus-, Pergament- oder Papierträger nicht, da Kohlenstoff chemisch inert ist (de Pas, 1974, 122).
Anders verhält es sich beim Bindemittel: Gummi arabicum, Harze und Öle unterliegen chemischen Degradationsprozessen und können den Schriftträger angreifen, sodass er spröde und brüchig wird. Erscheinung:

Farbe: Brauntöne, Schwarztöne
Die Farbe von historischen Tinten ist unterschiedlich im Ton und in ihrer Deckkraft nicht immer homogen, was auf die Qualität der Pigmente, die anteilsmässige Zusammensetzung der Tinte sowie die Aufnahme durch den jeweiligen Schriftträger zurückzuführen ist. Beständigkeit: Durch die Wasserlöslichkeit des Bindemittels ist die Tinte ebenfalls wasserlöslich und dadurch wasserempfindlich. Quellen der Kennwerte: Foucher, M.-H. & Flieder, F. (1991). Les encres noires manuscrites au carbone. Sélection et mise au point de différentes techniques permettant leur analyse. In: Les documents graphiques et photographiques. S. 125–147.
Klöckel, I. (2015). Chemie der Farbmittel. In der Malerei. Berlin München, Boston: Walter de Gruyter. (Russtinten S. 551). Bearbeitung Lieferformen:
Die Bestandteile werden einzeln geliefert und müssen selber vermischt werden. In getrockneter Form wird Russtinte als sogenannter Tintenstein gelagert und gehandelt. Anwendung Anwendungsgebiete:
Vor allem Schrift und Kalligrafie; aber auch Malereien, Zeichnungen, Grafiken Sammlungen

Muster in folgenden Sammlungen: HKB Bern Fellerstrasse
Standort in der Sammlung: HKB Bern Fellerstrasse:
KuR Quellennachweis Verwendete Quellen:
Bat-Yehouda-Zerdoun, M. (1980). La fabrication des encres noires d’après les textes. In: Codicologica. Bd.5. S. 52–58.
Foucher, M.-H. & Flieder, F. (1991). Les encres noires manuscrites au carbone. Sélection et mise au point de différentes techniques permettant leur analyse. In: Les documents graphiques et photographiques. S. 125–147.
Klöckel, I. (2015). Chemie der Farbmittel in der Malerei. Berlin München, Boston: Walter de Gruyter. (S. 551).
Maywald, C. (2008). Die Schreibtinten von der antiken Russtinte zu den Farbstofftinten der Moderne. In: Librarium. Zeitschrift der Schweizerischen Bibliophilen-Gesellschaft = Revue de la Société Suisse des Bibiophiles. Bd. 51/3. S. 226–232.
de Pas, M. (1974). La composition des encres noires. In: Colloques Internationaux du C.N.R.S. Nr. 548. S. 119–132.
s.n. (1960). Tinten. Schreibtinte, Tusche, Bister, Sepia, andere braune und farbige Tinten. Sammlung Trobas. (s.l.) Weitere Quellen:
Finlay, V. (2011) Das Geheimnis der Farben – Eine Kulturgeschichte. 10. Aufl. Berlin, List
Lehner, S. (1899). Die Tinten-Fabrikation. 5. Auflage. Wien, Pest, Leipzig: Hartleben's. Links:
Kremer Pigmente. www.kremer-pigmente.de (Stand 14.01.2016).
Schels, P. (2015). Mittelalterlexikon. Artikel «Russbrenner». www.mittelalter-lexikon.de (Stand 14.01.2016).
Schels, P. (2015). Mittelalterlexikon. Artikel «Tinte». www.mittelalter-lexikon.de (Stand 14.01.2016). Expertin / Experte:
Sebastian Dobrusskin Text verfasst von:
HüT, HKB, 2016 Bilder

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