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Urushi

Urushi
Materialgruppen:
Pflanzliche Werkstoffe Materialbeschrieb Urushi ist die japanische Bezeichnung für den Saft des ostasiatischen Lack-Baumes (rhus vernicifera oder verniciflua), der auch den Rohstoff für den gleichnamigen japanischen Lack bildet. Im Gegensatz zum europäischen Lackkunsthandwerk, das auf nur rund 400 Jahre zurückblicken kann, hat die ostasiatische Lackkunst eine jahrtausendealte Tradition, vor allem in China, Korea und Japan. Verwandte Lackkulturen existieren in Südostasien, Vietnam und Thailand sowie in Myanmar/Burma. Noch heute wird dort dieses Kunsthandwerk als kulturelles Erbe gepflegt. Dabei hat der Lack nicht nur schützende, gestalterische oder repräsentative Funktion, sondern spielt in der festlichen wie in der alltäglichen Speisekultur und in der Innenarchitektur nach wie vor eine grosse Rolle. Urushi bildet eine bräunlich-transparente Lackschicht. Im Gegensatz zu Lacken, die in westlichen Kulturen traditionell aus Schellack, Gummi arabicum oder Bernstein hergestellt wurden und durch Verdunstung von Lösungsmitteln trocknen, härtet Urushi allein durch die Polymerisation der enthaltenen Urushiol-Moleküle aus. Ausgelöst wird die Polymerisation durch das enthaltene Enzym Lakkase bei Kontakt mit Sauerstoff. Aus diesem Grund ist diese Lackbeschichtung äusserst resistent und beständig, lässt sich also weder durch Wasser, Alkohol, Säuren, Laugen oder Lösungsmittel wieder lösen.
Urushi ist ausserdem hitzeresistent bis ca. 100 °C, bleibt leicht elastisch und wirkt keimabtötend. Durch verschiedene Zuschlagstoffe lässt sich Urushi in verschiedene Konsistenzen mischen und als Lack oder Kittmasse verarbeiten. Ein schichtenweiser Auftrag auf die meisten Materialien wie Holz, Pappmaché, Keramik, Natur- oder Kunststein, Metalle und Kunststoff, aber auch auf flexiblere Materialien wie Papier, Textilien oder Leder ist möglich. Gehärtetes Urushi lässt sich schleifen, polieren und schneiden bzw. schnitzen. Traditionellerweise wurden Urushilacke mit [[Flammruss|Russ]] schwarz oder mit Eisenoxid oder Zinnober in Rottönen eingefärbt. In neuerer Zeit werden auch andere Pigmente verarbeitet. Das vielseitige Material lässt sich nicht nur als Lack einsetzen, sondern auch als Klebstoff, Kittmasse, Imprägnierung, Konservierungsstoff, Versiegelung, Korrosionsschutz oder als Oberflächendekoration. Traditionelle Lackobjekte waren zunächst Kultgegenstände, bald aber auch exklusivere Alltagsobjekte wie Schalen und Teller, Dosen, Schachteln, Truhen, Schränke und Waffen oder grössere Bauteile wie Holzböden, Täfer, Türrahmen, Stützpfosten, Dachunterkonstruktionen oder z. B. Wandverkleidungen in Nasszellen sowie Badewannen. Andere Bezeichnungen/Synonyme:
Rhuslack, Chinalack, Japanlack, Schwarzlack, laque végétale Gleiche Familie:
Je nach Quelle werden die Begriffe Japanlack und Chinalack synonym verwendet, was aber nicht immer auf die genaue Herkunft des Materials zurückzuführen ist. Bis zu 95% des in Japan verarbeiteten Rhuslacks werden aus China importiert. Grundsätzlich handelt es sich dabei jeweils um den Saft des Rhus vernicifera oder verniciflua. In Japan sind gelegentlich die Angaben nihon-san (japanischer Herkunft) oder chugoku-san (chinesischer Herkunft) zu finden. Ob solche Abgrenzungen kulturpolitischen Hintergrund haben oder auf Qualitätsunterschiede hinweisen, ist nicht eindeutig zu eruieren. (Kramp, Gahbler, 2012) Hintergrund Etymologie:
Das japanische Wort Urushi hat den gleichen Wortstamm wie uruoi (Feuchtigkeit, Glanz) und urumnu (benetzt sein, feucht werden) und spielt unmittelbar auf die optische Wirkung der Oberfläche an. Geschichte:
Aufgrund archäologischer Funde wie Gefässe, Waffen, Armreifen, Kämme usw. kann die Verwendung von Urushi in China und Japan bis ins 4. oder sogar ins 5. Jahrtausend v. Chr. zurückverfolgt werden. Lange waren Objekte mit Urushilackierungen einzig für Rituale in Tempeln und bei Speiseanlässen in aristokratischen Häusern in Gebrauch. In der japanischen Edo-Zeit (1600-1868) verbreiteten sich Lackgefässe allmählich auch in der Bevölkerung. Zu dieser Zeit erreichten über die Handelswege auch erste chinesische und japanische Lackarbeiten Europa und lösten die Entwicklung einer eigenen europäischen Lackkunst im 17. und 18. Jh. mit Rezepturen aus Bernstein, Baumharzen, Kopalen, Gummi arabicum und Schellack aus. Ökonomie:
Das Sammeln von Urushi-Baumsaft ist nach wie vor eine zeitaufwendige Handarbeit. Während mehrerer Sommermonate werden die Lackbäume angezapft, die inzwischen überwiegend in Plantagen kultiviert werden. Preisgünstiges Urushi wird beispielsweise von China exportiert und konkurrenziert den Handel mit japanischem Urushi. Aus einem 10-jährigen Baum lassen sich im Verlauf einer Saison lediglich etwa 200 ml Lacksaft gewinnen. Nach der Ernte stirbt der Baum aufgrund dieser Verletzungen ab, im folgenden Jahr kann aber ein neuer Spross aus der Wurzel wachsen, aus dem sich nach zehn Jahren wieder Lack abzapfen lässt.
Neben der Gewinnung ist auch die teilweise aufwendige Verarbeitung, je nach Technik mit bis zu 25 Schichtaufträgen, ein wichtiger ökonomischer Faktor von Urushi. Kunst, Handwerk, Design:
Inspiriert durch die japanische Delegation an der Weltausstellung von 1900 in Paris entwickelte sich die Lackkunst aus der Art-nouveau-Bewegung zu einer eigenständigen Gestaltungssprache in Europa. Bekannt sind vor allem die Arbeiten aus den 1920er-Jahren von Innenarchitekten und Gestaltern wie Jean Dunant und Eileen Gray. In jüngster Zeit wird die Lackkunst wieder öfter von zeitgenössischen Kunstschaffenden aufgegriffen und neu interpretiert. Herstellung Gewinnung:
Ab Mitte Mai bis Oktober wird bei ca. 10 Jahre alten Bäumen eine horizontale Kerbe von etwa 5 mm in die Rinde geschnitten, worauf sofort der Lacksaft herauszuquellen beginnt. Diese milchig-weisse Flüssigkeit wird vom Sammler mit einem Spachtel abgeschabt und in einem Gefäss gesammelt. Jeder Einschnitt lässt sich etwa dreimal ausschaben, anschliessend wird oberhalb der versiegten Stelle eine neue Kerbe geschnitten.
Der vom Baum abgezapfte Rohlack ist eine wässrig-ölige Emulsion, die gefiltert und von Schmutzpartikeln und Insekten gereinigt werden muss. Die am Anfang und am Ende der Saison gewonnene Qualität wird nicht weiterverarbeitet, sondern dient zur Grundierung und Imprägnierung. Für die hochwertigeren Lackschichten mit dem im Hochsommer gewonnenen qualitativ hochstehenden Baumsaft muss der Rohlack auf einer Wärmequelle unter ständigem Rühren homogenisiert und sein Wassergehalt von 25-30% auf 2-3% verringert werden. Der Lack erhält eine transparent-bräunliche Farbe und eine zähflüssige Konsistenz. Fertigung:
Urushi wird auf Untergründen wie Holz, Bambus, Metalle, Keramik, Stein, Textilien oder Papier sowie als transparenter oder eingefärbter Lack verwendet. Techniken und Stile sind dabei je nach regionaler Tradition oder individueller Ausführung unterschiedlich. Je nachdem werden mehrere Schichten aufgebaut, mit Grundierungspasten aus Rohlack und Zusätzen wie Tonmehl, Kieselalgen, Holzkohlenstaub, Sägemehl und weiteren Bindemitteln wie Reisleim und Blut. Diese werden in mehreren Arbeitsschritten auf Bespannungen aus Tuch oder [[Kozo|Washi]] aufgetragen und zwischendurch immer wieder geschliffen. Darauf aufgebaut werden schliesslich die Zwischenlackschichten, die oftmals polierten Oberflächenlackierungen sowie dekorierende Lackschichten. Optimale Bedingungen zum sauberen Aushärten des Lacks bieten spezielle Holzschränke mit einer Luftfeuchtigkeit von 60 bis 85% und Temperaturen zwischen 20 und 24 °C. Eigenschaften Alterungsverhalten:
Uruhsi-Oberflächen sind sehr widerstandsfähig und altern langsam. Bei zu intensiver UV-Strahlung können jedoch kleine Risse in der Oberfläche entstehen und die Lackschichten brüchig werden. Erscheinung:

Farbe: Gelbtöne
Naturfarbenes Urushi ist durchscheinend Bernsteinfarben von dunkel bis sehr hellgelb. Es kann mit Pigmenten farbig eingefärbt werden. Haptik: glatt

Beständigkeit:

Temperaturbeständigkeit: bedingt beständig
Urushi ist hitzeresistent bis ca. 100 °C. Verträglichkeit: Bioverträglichkeit:
Verarbeitetes bzw. ausgehärtetes Urushi ist lebensmittelecht und ruft keinerlei allergische Reaktionen hervor.
Im unverarbeiteten, noch flüssigen Zustand jedoch kann Urushi durch Berührung bei vielen Menschen Hautrötungen, Juckreiz, Haut- und Schleimhautschwellungen, auch Lackkrankheit genannt, auslösen. Bei auftretenden Reaktionen die Bearbeitung abbrechen. Das Ekzem verschwindet nach 1 bis 2 Wochen spurlos. Heftige allergische Reaktionen müssen vom Arzt behandelt werden, die Allergie ist jener bei Bienen- oder Wespenstichen ähnlich. Bearbeitung Lieferformen:
In Tuben Lieferbare Materialqualitäten:
Als Rohlack (Ki Urushi), Zwischenlack oder Decklack, je nach Produkt ungefärbt oder in Schwarz, Rot oder weiteren Farbtönen eingefärbt. Je nach Region und Jahreszeit der Gewinnung ist die Qualität des Lacks unterschiedlich. Besonderheiten:
Die frisch bearbeiteten Lackoberflächen und -gegenstände brauchen auch im staubtrockenen Zustand einige Zeit, bis die Aushärtung vollständig abgeschlossen und die volle Härte erreicht ist. Sie sollten in dieser Zeit am besten in einer feuchtwarmen Umgebung aufbewahrt werden. Arbeitsschutz:
Es wird empfohlen, Arbeiten immer mit Handschuhen, Schutzbrille und körperbedeckender Kleidung auszuführen. Allfällige Spritzer auf der Haut sofort mit Öl oder Alkohol abwischen. Nie mit Wasser! Konservierung: Schutz und Pflege:
Lackgegenstände sollten nicht anhaltend der prallen Sonne ausgesetzt werden. Urushi lässt sich mit warmem Wasser und milder Seife gut reinigen, nie Scheuermittel oder kratzende Bürsten verwenden.
Nicht benutzte Lackgegenstände sollten an einem dunklen, vor Staub geschützten Ort aufbewahrt werden. Restaurierung:
Urushi kann von Experten zur Auffrischung von Lackoberflächen verwendet werden. Risse und Fehlstellen an Lackobjekten können mit Kittmassen aus Urushi gefüllt und ergänzt werden. Farbige Retuschen erfordern grosse Erfahrung, da sich der Farbton beim Aushärten verändert. Sammlungen

Muster in folgenden Sammlungen: Gewerbemuseum Winterthur
Standort in der Sammlung: Gewerbemuseum Winterthur:
Pflanzliche Werkstoffe > Schublade 33 Bezugsquelle Musterherstellung:
Salome Lippuner, Trogen Quellennachweis Verwendete Quellen:
Kromp, B. & Gahbler, H. (2012). Urushi. Japanlack als Werkstoff europäischer Künstler. Münster: Museum für Lackkunst.
Museum für Lackkunst (Hrsg.) (1996). Nurimono. Japanische Lackmeister der Gegenwart. München: Verlag Fred Jahn.
Türk, O. (2014). Stoffliche Nutzung nachwachsender Rohstoffe. Grundlagen – Werkstoffe – Anwendungen. Wiesbaden: Springer Vieweg.
Beythien, A. & Dressler, E. (1920, Nachdruck 7. Ausgabe 1996). Merck's Warenlexikon für Handel und Gewerbe. Recklinghausen: Manuscriptum. Weitere Quellen:
Heckmann, G. (2002). Urushi no waza. Japanlack. Ellwangen: Nihon Art Publishers.
Speiser, W. (1965). Lackkunst in Ostasien. Baden-Baden: Holle.
Stephan, K. (1927). Die Lackierkunst der Völker in der Vergangenheit und Gegenwart. Technische Erläuterungen für Maler und Lackierer. München: Süddeutsche Malerzeitung. Expertin / Experte:
Salome Lippuner, Trogen / CH Material-Archiv-Signatur:
PFL_BAU_8 Text verfasst von:
Gewerbemuseum, PM, 2016 Bilder

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