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Terrazzo, kalkgebunden

Terrazzo, kalkgebunden
Materialgruppen:
Mineralische Werkstoffe > Kalkwerkstoffe Materialbeschrieb Kalkterrazzo ist ein gestampfter Kalkestrich (Kalkmörtelboden), in den Steine von unterschiedlicher Körnung, Färbung und Beschaffenheit eingestreut oder als Muster verlegt sind. Die auf antiken Vorläufern fussende Technik des Kalkterrazzo wurde in Venedig im 16. Jahrhundert wieder aufgenommen und gelangte dort besonders im 18. Jahrhundert zur Blüte. Neben der Möglichkeit zur Prachtenfaltung durch die Einarbeitung von kostbarem Material und aufwendigen Mustern, bot sich der Bodenbelag in der Lagunenstadt auch aus baukonstruktiven Gründen an. Je nach Entstehungszeit reicht die Bandbreite von schlichten, nahezu monochromen Kalkterrazzi bis hin zu vielfarbigen Terrazzoböden mit reichen ornamentalen oder figurativen Verzierungen sowie Inschriften. Ein in mehreren Schichten aufgebauter venezianischer Kalkterrazzoboden kann bis zu 40 cm dick sein. Kalkterrazzo ist in seinen Eigenschaften von der genauen Zusammensetzung abhängig; häufig wird hydraulisch wirkender Ziegelsplitt als Zuschlagstoff verwendet. Kalkterrazzo zeichnet sich durch eine sehr lange Lebensdauer, hohe Strapazier- und Tragfähigkeit sowie einfache Pflege aus, die aber regelmässig durchzuführen ist. Anders als [[Terrazzo_zementgebunden|Zementterrazzo]] verfügt Kalkterrazzo über eine hohe Elastizität und kann Niveauverschiebungen bis zu einigen Zentimetern ohne Reissen absorbieren. Schadstellen und Risse sind gut ausbesserbar. Als Nachteil erweist sich die äusserst zeit- und arbeitsintensive Herstellungszeit von mehreren Monaten. Der fertig eingebrachte Kalkterrazzo kann nach der Trocknung mit Wachs-, Seifen- oder Ölmischungen poliert werden. In der Antike behandelte man die Böden mit einer Mischung aus Bienenwachs und Terpentin und polierte sie regelmässig mit einer Naturhaarbürste. Statt Terpentin kam auch Leinöl zum Einsatz, eine Methode, die bis heute angewendet wird. Beide Polituren verschliessen die Poren und versiegeln die Oberfläche. Die Verwendung von Kalkterrazzo war und ist dem sich wandelnden Zeitgeschmack unterlegen. Während man mit dem Bodenbelag in früheren Jahrhunderten vor allem repräsentative Säle und Wohnräume ausstattete, verlor der Belag im ausgehenden 19. Jh. zunehmend an Exklusivität und wurde mehr und mehr für viel beanspruchte Räume wie Küchen, Bäder oder auch Flure, Treppenhäuser und Balkone in den sogenannten Gründerzeitbauten genutzt. In vielen öffentlichen Gebäuden wie Museen, Schulen, Ämtern oder Krankenhäusern, aber auch in Warenhäusern und Geschäften aus dem frühen 20. Jh. findet man Kalkterrazzo als Bodenbelag. Nach dem 1. Weltkrieg wurde Kalkterrazzo zunehmend durch günstiger einzubauenden und elektrisch schleifbaren Zementterrazzo verdrängt. Seit einigen Jahren findet Kalkterrazzo vereinzelt wieder Einzug in ausgesuchte Wohnräume. Italienische Bezeichnung:
terrazzo, battuto, seminato Französische Bezeichnung:
terrazzo Englische Bezeichnung:
terrazzo Hintergrund Etymologie:
Der Begriff Terrazzo nimmt auf die Herstellungstechnik Bezug und kommt vom italienischen Verb terrazzare, was soviel wie einebnen bedeutet. Daher wird der Begriff im Italienischen als Oberbegriff für verschiedene Estrichtypen verwendet, während er im Deutschen gewöhnlich einen Estrich mit eingestreutem oder eingelegtem Steingranulat meint, den sogenannten seminato (Gesähten). Geschichte:
Der älteste bislang bekannte geschliffene Kalkestrich mit eingelegten Steinen stammt aus der Zeit um 7000 v. Chr. und wurde in Çayönü Tepesi im südöstlichen Anatolien bei Ausgrabungen entdeckt. Er kann als Vorläufer des kalkgebundenen Terrazzo alla veneziana gesehen werden, auch wenn die genaue Herstellungstechnik nicht überliefert ist. Um 1350 v. Chr. kamen ähnliche Kalkestriche auch beim Bau des Tempels von Tell el-Amarna in Ägypten zur Anwendung. Aus römischer Zeit gibt es zahlreiche archäologische Funde verschiedenster Kalkböden, meist [[Cocciopesto|Cocciopesti]], die in der Stadt und auf dem Land weit verbreitet waren. Im venezianischen Palastbau des ausgehenden Mittelalters wurde zunächst der Pastellone als Vorläufer des Kalkterrazzo eingeführt. Kalkestriche mit eingestreuten Steinchen sind dort erst ab dem 16. Jahrhundert nachweisbar, der früheste noch heute erhaltene stammt vermutlich aus der ersten Hälfte des 16. Jh. und ziert den Boden der Scuola Grande Tedesca im ehemaligen jüdischen Ghetto. Die ersten Statuten der venezianischen Terrazzieri (sogenannte Mariegola) sind für das Jahr 1586 belegt. Die ältesten Kalkterrazzi aus dem 16. und 17. Jh. zeichnen sich durch handgebrochenes Steingranulat und wenig oder keine Ornamentik aus. Im 18. Jh wurden die venezianischen Kalkterrazzi immer raffinierter und mit reichen Ornamenten (auch Familienwappen) versehen, zugleich verbreitete sich die Technik in Villen und Palästen in ganz Italien, vor allem aber im Veneto. Seit dem ausgehenden 18. Jh. lässt sich die Verwendung von Kalkterrazzo auch ausserhalb Italiens nachweisen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts trugen italienische Spezialhandwerker, sogenannte terrazzieri, zur Verbreitung der Technik nördlich der Alpen bei (Eltgen 2004). Insbesondere für Bayern und den norddeutschen Raum um Lüneburg ist die zum Teil saisonale Arbeit dieser Terrazzieri nachgewiesen (May 2000). Neben dem handwerklichen Wissen brachten sie auch die für Herstellung eines Terrazzo benötigten farbigen Marmor- und Kalksteinsorten mit (Eltgen 2004). Seit Beginn des 19. Jh. konnte man das Steingranulat maschinell mahlen, was eine regelmässigere, rundere Struktur desselben zur Folge hatte und bei der Datierung historischer Kalkterrazzoböden einen Anhaltspunkt liefern kann (Cacciatori, 28). Gegen Ende des 19. Jh. kam als billiger Ersatz für Kalk Zement als Bindemittel auf – Zementterrazzo löste den Kalkterrazzo jedoch erst ab den 1920er Jahren ab, als man geeignete elektrische Maschinen zum Schleifen des Zements zur Verfügung hatte. Heutzutage gilt Kalkterrazzo als ein äusserst exklusiver Bodenbelag, der aufgrund seiner aufwendigen Verarbeitungsweise vereinzelt in hochpreisige Bauprojekte integriert wird oder in der Denkmalpflege zur Anwendung kommt. Ökonomie:
Reiner Kalkterrazzo wird heutzutage nur von ausgesuchten Handwerksbetrieben hergestellt. Zwar kommen dabei moderne Hilfsmittel wie elektrische Schleifmaschinen zum Einsatz, dennoch ist die Herstellung eines Kalkterrazzo im Vergleich zu anderen Bodenbelägen noch immer sehr zeit- und kostenintensiv und kann nur von erfahrenen Handwerkern durchgeführt werden. Ökologie:
Kalkterrazzo ist als rein mineralisches Produkt unter ökologischen Aspekten positiv zu bewerten. Zudem bietet der Terrazzoboden die Möglichkeit, Abbruchmaterial zu rezyklieren, worauf schon Vitruv verweist. Herstellung Fertigung:
Ausgangsmaterial für einen Terrazzoboden ist ein traditioneller Kalkmörtelboden (Kalkestrich) aus [[Glossar:Sumpfkalk|Sumpfkalk]] mit grobem Sand und Kies als Zuschlagstoff sowie (wenn nicht auf Holz verlegt) einer Rollierung aus Kies oder grobem Ziegelsplitt. Eine Herstellungsvariante beschreibt Antonio Crovato (53–63): Auf einen geeigneten ebenen und festen Untergrund wird eine 10–20 cm dicke Grundschicht (sottofondo) aus gelöschtem Kalk und grobem Ziegelsplitt und/oder Abbruchmaterial und Steinbrocken im Verhältnis 1:4 aufgetragen und durch Schlagen und Abstampfen gut verdichtet, dies über mehrere Tage hinweg so lange, bis der Estrich kein Wasser mehr abgibt. Hat die Grundschicht abgebunden, wird eine etwas feinere, ca. 2–4 cm dicke Schicht (coprifondo oder coverta) aus Löschkalk und gemahlenen Ziegeln im Verhältnis 1:3 aufgetragen, ebenso verdichtet und abschliessend der Untergrund mit einer 1–2 cm dünnen mörtelartigen Lage (stabilitura) aus Löschkalk und Marmormehl im Verhältnis 1:2 stabilisiert. Auf diese Deckschicht streut der Terrazzoleger das Steingranulat (Ø 5–40 mm) per Hand, Muster oder Ornamente werden mit Schablonen verlegt. Es folgt ein aufwendiger, in mehrere Arbeitsgänge unterteilter Prozess der Verdichtung, Versiegelung und Politur, der sich über Wochen erstrecken kann: Nach mehrmaligem Walzen und Stampfen wird der Estrich geschmirgelt und geglättet und daraufhin mit einer Mischung aus Leinöl und Kreide gespachtelt. Die Spachtelmasse muss mindestens eine Woche einziehen, bevor der Estrich gesäubert und poliert wird. Abschliessend wird er mit einem Gemisch aus Lein- und Strohöl getränkt und mit einem Jutetuch erneut poliert. Eigenschaften Erscheinung: Aussehen:
Terrazzo kann, je nach verwendetem Material und Muster, sehr unterschiedlich aussehen. Im allgemeinen handelt es sich um einen sehr glatten, mehr oder weniger glänzenden und fugenlosen natursteinähnlichen Bodenbelag mit einer sehr homogenen Oberfläche. Haptik: glatt

Beständigkeit: Kalkgebundener Terrazzo ist UV-beständig, aber nur bedingt temperaturbeständig. Nicht beständig ist er gegen Frost, Laugen, Lösungsmittel, Salze und Säuren. Bearbeitung Besonderheiten:
Kalkestriche werden meist nicht gegossen, sondern als möglichst trockene Mörtelmassen eingebracht, denn dünnflüssige Estrichmassen enhalten zuviel Wasser. Letzteres verlängert die Stampf-, Walz- und Trocknungszeiten, verursacht stärkere Rissbildungen und vor allem erhöht es die Baufeuchte, was gerade bei Holzbauteilen (z. B. Holzdecken) sehr starke Dehnungen verursacht. Oberflächenbearbeitung: polieren, schleifen
Soll der Boden geschliffen oder poliert werden, eignen sich nur Steine geringer Härte (Kalke, Ziegelsplitt) da zu grosse Härteunterschiede zwischen dem Kalkbindemittel und den Zuschlagstoffen die Herstellung einer glatten Oberfläche unmöglich machen. Historische Kalkterrazzi wurden nur manuell mit entsprechenden Geräten durch Stampfen und Rollen verdichtet, wodurch eine weich anmutende Oberfläche entsteht. Durch das Schleifen mit elektrischen Geräten wird eine vollkommen andere, homogene Oberflächenwirkung erzielt. Arbeitsschutz:
Calciumhydroxid ist ätzend, daher muss bei dessen Verarbeitung Schutzkleidung (Handschuhe und Brille) getragen werden. Konservierung: Schutz und Pflege:
Terrazzoböden sollten zur Pflege einmal im Jahr mit einem Gemisch aus Lein- und Strohöl getränkt und mit einem Jutetuch poliert werden, damit sie geschmeidig bleiben. Venezianische Terrazzi wurden traditionell alljährlich einer Inspektion unterzogen und bei dieser Gelegenheit gespachtelt und geölt. Restaurierung:
Kalkterrazzi können mit entsprechendem Material sehr gut restauriert werden. Bei historischen Böden ist darauf zu achten, entsprechendes handgemahlenes Granualt zu benutzen. Anwendung Anwendungsgebiete:
Bauwesen Anwendungsbeispiele:
- Landesmuseum Zürich, Räume im EG
Nahezu jeder venezianische Palast ist mit kalkgebundenen Terrazzoestrichen ausgestattet, z.B.:
- Ca' Rezzonico a Santa Barnaba, heute Museo del Settecento Veneziano, Zweiter Piano nobile, Venedig (2. Hälfte 18. Jh.)
- Palazzo Contarini a San Beneto, heute Sitz des Consorzio Venezia Nuova, Erster Piano nobile, Büro des Responsabile, Venedig (2. Hälfte 19. Jh.)
- Palazzo Ducale, Sala del Maggior Consiglio, Venedig (ursprünglich ein Pastellone aus dem frühen 15. Jh., der heute zu sehende Estrich ist ein Kalkterrazzo aus späteren Jahrhunderten)
- Palazzo Loredan a Santo Stefano, heute Istituto Veneto di Scienze, Lettere e Arti, Piano nobile, Sala degli Stucchi, Venedig (1. Hälfte 18. Jh.)
- Scuola Grande Tedesca al Ghetto, Venedig (vermutlich um 1526) Sammlungen

Muster in folgenden Sammlungen: ETH Zürich Baubibliothek, HSLU T+A Campus Horw
Standort in der Sammlung: ETH Zürich Baubibliothek:
BK-ES | Bindemittel Kalk > Boden- und Strassenbeläge/Estrich HSLU T+A Campus Horw:
Ebenau 22 Bezugsquelle Musterherstellung:
Dr. Norbert Hoepfer, Pfaffenhofen, D/Tel Aviv, ISR
Michael Dorrer, Terrazzo Werkstatt Regensburg, Regensburg, D Quellennachweis Verwendete Quellen:
Cacciatori, V. (2008). I pavimenti alla veneziana. Storia ed evoluzione artistica. In: Lazzarini, L. (Hrsg.). I pavimenti alla Veneziana. Verona: Cierre Edizioni, S. 13–40.
Crovato, A. (2002). I pavimenti alla veneziana. Resana (Treviso): Edizioni Grafì.
Eltgen, U. (2004, 7). Terrazzo-Fußböden. Herstellung und neue Restaurierungsverfahren für einen Zementestrich. In: Restauro, S. 448–453.
Hill, D. & A. Theurer (2009). Sanierungshandbuch. Naturstein, Keramik, Terrazzo. Köln: Verlagsgesellschaft Rudolf Müller, S. 100–106.
Lazzarini, L. (Hrsg.) (2008). I pavimenti alla Veneziana. Verona: Cierre Edizioni.
May, H. (2000). «Terrazzieri» in Franken: Italienische Terrazzoleger und der Import eines vielseitigen Baustoffes. In: Fremde auf dem Land, Ausst.-Kat. Band-Windsheim: Verlag Fränkisches Freilandmuseum, S. 101–134.
Vitruv (1976). Zehn Bücher über Architektur, übersetzt und mit Anmerkungen versehen v. C. Fensterbusch. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 315–319, 331.
Wihr, R. (1985). Fußböden. Stein, Mosaik, Keramik, Estrich. Geschichte, Herstellung, Restaurierung, München: Verlag Georg D. W. Callwey, S. 26–37.
Wolters, W. (2000). Architektur und Ornament. Venezianischer Bauschmuck der Renaissance. München: Verlag C. H. Beck, S. 209–211.
www.venicewiki.org/wiki/Terrazzo_alla_Veneziana (01.04.2015). Weitere Quellen:
Hilsdorf, B. (1985). Terrazzo aus der Steinzeit. In: Die Zeit, Nr. 31, 26.7.1985, S. 46, www.zeit.de/1985/31/terrazzo-aus-der-steinzeit (21.04.2015).
Kier, H. (1976). Schmuckfußböden in Renaissance und Barock. München: Deutscher Kunstverlag.
Zorzi, A., & Marton, P. (1989). I Palazzi veneziani. Udine: Magnus Edizioni.
www.consorzioilterrazzoallaveneziana.it/PercheConsorzio.aspx (21.04.2015). Expertin / Experte:
Dr. Karl Stingl/Graz Material-Archiv-Signatur:
MIN_WER_KAL_11 Text verfasst von:
ETHZ, KB, 2013 Bilder

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