Ohne Bunt kein Grau

Über die RAL-Farbe 7055 Lichtgrau

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Energiezentrale Forsthaus Bern: Die technischen Einbauten, Stege, Treppen, Geländer und Türen sind alle in derselben Farbe gestrichen. RAL 7035 Lichtgrau vereint in sich die «Naturfarben» der unzähligen technischen Apparaturen.
Bild: Georg Aerni

 

von Christoph Elsener

1012 Zitronengelb, 2004 Reinorange, 3000 Feuerrot, 4008 Signalviolett, 5012 Lichtblau, 6018 Gelbgrün, 7002 Olivgrau, 8001 Ockerbraun, 9010 Reinweiss: Dieser farbenfrohe RAL-Strauss ist von der DIN- Norm 2403 «Kennzeichnung von Rohrleitungen nach dem Durchflussstoff» vorgesehen zur Kennzeichnung von Medienleitungen und -kanälen. Kunterbunt und weitgehend vom Zufall bestimmt wäre die Farbgebung der Maschinenräume im Neubau der Energiezentrale Forsthaus nach der Norm geworden und unvereinbar mit dem übergeordneten architektonischen Konzept, das farbige Akzente nur im langen Korridor, im Kommandoraum und an der Turmspitze vorsah (siehe auch den nächsten Beitrag in diesem Heft, Seiten 64-71). Rasch zeigte sich dem Architektenteam um Marco Graber und Tom Pulver, dass bis auf wenige Ausnahmen (Öl, Gas, Kranbahnen) auf die Signalfarben verzichtet werden darf und man die Rohrleitungen und Kanäle in Alublech, Chromstahl, feuerverzinktem Stahl oder Kunststoff ausführen kann. Ein einziger Farbton blieb nach diesen Abklärungen auszuwählen, nämlich die Farbe der Hilfs- und Unterkonstruktionen der technischen Einbau-ten, von Stegen, Treppen, Geländern und Türen. Graber und Pulver wählten aus der in Frage kommenden RAL Farbkarte den Farbton RAL 7035 Lichtgrau, nachdem eine kleine Auswahl von RAL-Grautönen zeigte, dass sich dieser am besten in die Materialfarbigkeit des Sichtbetons und in die «Naturtöne» der verschiedenen Metalle und Kunststoffe integriert.

RAL 7035 Lichtgrau ist der ggT, der grösste gemeinsame Teiler in dieser Versammlung von Oberflächen. Dabei handelt es sich um ein ziemlich helles Grau, das Licht und Schatten des Betons sowie die Reflexionen der metallischen Oberflächen gut «absorbiert»; RAL 7035 ist ein elastischer Farbton mit einer umfassenden Spannweite. Lichtgrau, das Grau ohne Eigenschaften unter den ohnehin «unfassli-chen» Arten von Grau? Neben all den anderen RAL-Grautönen fällt 7935 Lichtgrau tatsächlich auf durch seine Leuchtkraft. Es erinnert an durch Hochnebel drückendes Sonnenlicht und macht damit seinem Namen alle Ehre.

AL-Farben sind normierte Farben, die in der nicht systematischen Sammlung RAL Classic mit nunmehr 213 Farbtönen durch eine vierstellige Zahl und einen Namen gekennzeichnet sind. Das Kürzel RAL steht dabei für eine 1927 durch den Deutschen Reichsausschuss für Lieferbedingungen erstellte normierte Tabelle von ursprünglich 40 Farben. Gepflegt wird das Normenwerk heute durch das deutsche RAL-Institut, eine Organisation ähnlich der Schweizer Centrale für rationalisiertes Bauen CRB. Einige RAL-Farben wie zum Beispiel RAL 9010 Reinweiss, ein abgetöntes Weiss, sind heutzutage selbst bereits Klassiker und wurden als Farbton zu einem weit verbreiteten Standard. Setzt sich RAL 7035 Lichtgrau nun ebenso zu einem Standardgrau durch? – Ein Farbton, der so gut zwischen verschiedensten Materialoberflächen verschwinden» kann, hat das Zeug dazu. Und wie sieht es nun aus im Innern des neuen Berner Kraftwerks? Mit den gewohnten Bildern bunter Turbinensäle und farbiger Maschinenräume vor Augen überraschen die Technikräume in dieser riesigen Maschine: Ohne die um Aufmerksamkeit buhlende Farbigkeit verschmelzen Raum und Form zu einem gleichwertigen grossen Ganzen, in dem Farbe nur soweit vorhanden ist, als dass man ihre Abwesenheit spürt. Dieses Latente erinnert an die Fotografie «Washington D.C., 1990» des Farb- fotografiepioniers William Eggleston: Das Bild zeigt einen weissen Deckenventilator vor einer weissen Decke. Von all seinen Farbbildern ist es vermutlich das schwarzweisseste.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in werk, bauen + wohnen,
Heft 06-2013.
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